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Es geht uns gut - doch wie war es 1945
© Gerhard Spendling

Auch wenn uns das derzeit, die Tagesnachrichten beherrschende, Corona-Virus leichtes Unwohlsein vermittelt so geht es uns Wienern durchaus gut. Die Regale in den Supermärkten sind voll, das Angebot an Kleidung und Wäsche ist reichlich. Auch alles andere was man so zum Leben braucht ist leistbar und nahezu im Überfluss vorhanden. Der Wiener, der ja zum „granteln“ neigt ärgert sich das er sieben Minuten auf die nächste Straßenbahn warten muss. Ganz anders war das Leben vor 75 Jahren.

In der Pfarrchronik fand ich eine Notiz mit der Überschrift:

Ein Situationsbild (22. März 1945)

Wie sieht es jetzt in Wien aus? In der Woche gibt es vier bis fünf Mal täglich Alarm. Schon um 10 Uhr Vormittag zeigt sich unter den Menschen auf der Straße eine Nervosität. Werden sie heute wiederkommen? Wie ist die Luftlage? Hat der Kuckuck schon gerufen? Die Frauen gehen den Meiselmarkt ab, um für die Familien Lebensmittel einzukaufen. Aber fast alle Verkaufs-Stände sind geschlossen. Milch, die sogenannte Magermilch, gibt es seit Tagen nicht mehr. Die Transport-Schwierigkeiten sind ja groß. Alle Bahnen sind durch fast tägliche Luftangriffe unterbrochen, die Geleise aufgerissen, die Maschinen zertrümmert, die Wagen verbrannt. Die Kartoffel, unsere jetzige Hauptnahrung, sind noch – natürlich unter Verweis der Karten zu haben. Die Menschen gehen defekt gekleidet einher. Frauen in Hosen sind nichts seltenes mehr, sie fallen gar nicht mehr auf. Wenn der Vogel ruft beginnen die Leute zu Laufen. Mit Hauspatschen, Koffern und Rucksäcken am Buckel eilt alles in die Luftschutzkeller. Die Wiener nennen die ganz Vorsichtigen, die schon vor dem Kuckuck-Ruf vor den Eingängen der Bunker herumlungern, „Bunker-Wanzen“. Im Hofe des erzbischöflichen Palais kann man täglich, einige hundert Menschen, Groß und Klein, Alt und Jung, herumstehen sehen. Sie wollen ihr Leben retten und die vermeintlich sicheren Keller des Palais aufsuchen. Heute, wo ich diese Zeilen schreibe, haben wir kein elektrisches Licht. Keine Straßenbahn, kein Gas, kein Telefon schon seit zehn Tagen.

(Leopold Mantler)