Script zur Bildvergrößerung.
Wien und Rudolfsheim im April 1945
© www.katholisch.at

In diesen Tagen berichten alle Medien über den aktuellen Stand zur Corona-Krise. Wir möchten mit diesem Artikel kurz die Tage im April 1945 beleuchten. Dazu haben wir in unserer Pfarrchronik geblättert und veröffentlichen hier die Niederschriften von Pfarrer KR. Johannes Mahr, der die Ereignisse in unserem Pfarrgebiet schildert.


Die Russen in Wien

Sonntag, den 8.4.1945, hörte ich um ½ 6 Uhr früh auf der Straße Rufe: Bald sah ich vom Fenster des Erkerzimmers aus einen russischen Soldaten mit angeschlagenem Gewehr um die Ecke kommen. Später hörte ich, dass schon um 2 Uhr nachts die ersten russischen Panzer über die Hütteldorfer Straße in Richtung Gürtel gerollt seien. Bei der Gewerbeschule – Fortbildungsschule – in der Hütteldorfer Straße gab es den ersten Widerstand. Dort wurde der Einmarsch der Russen einige Stunden verzögert und aufgehalten. Wir hörten am Vormittag ununterbrochen schießen. An diesem Sonntag musste die 6 Uhr und 7 Uhr Messe entfallen; aber die 8 Uhr Messe, 9 Uhr und 10 Uhr Messe wurden gefeiert. Im Pfarrhause nahm ein russischer Arzt und San. Major in der Mesner-Wohnung Quartier; in der Wohnung des Pfarrers (Meisel-Straßen Seite) waren zwei russische Ärztinnen untergebracht. Da der Major, des nachts einen Posten vor dem Quartier hatte, konnten wir beruhigt sein. Montag, den 9.4.1945, sah ich beim Betreten der Pfarrkanzlei um 7 Uhr früh russische Soldaten am Fußboden ausgestreckt liegen. Sie hatten sich, wie sie vom Kampfe kamen, mit Uniform und Gewehr hingeworfen und schliefen. Die Woche über das gleiche Bild in der Pfarrkanzlei, die tagsüber als Schreibstube verwendet wurde. Auch in der Sakristei lagen morgens die ermüdeten Soldaten auf den Steinfliesen wie sie vom Kampfe kamen. Mittwoch, den 11.4.1945 waren die regulären Truppen der Russen bereits innerhalb des Gürtels; bei uns hier war der Tross. Um 1 Uhr früh kam am 11.4.1945 eine Patrouille von zwei Mann mit Gewehren in die Wohnung des Pfarrers und ging alle Räume durch, um nach Waffen zu suchen. Erfolglos! Die Patrouille sah wie sehr sie um diese Stunde Aufregung hervorrief und sagte: „Nicht fürchten“. Die Uhr vom Nachtkästchen verschwand. In der Woche vom 8. bis 14.4.1945 lagen russische Soldaten in den Luftschutzkellern des Pfarrhauses, da die sonst den Keller bewohnten Volksgenossen, Meiselstrasse 6 und Umgebung ihre Wohnungen wieder bezogen hatten. Im Hofe des Hauses standen Pferde- und Bagagewagen. Ein Pferd mit heraushängenden Gedärmen wurde im Hofe von einem russischen Soldaten erschossen. Tags darauf von den Russen den Leuten geschenkt, die sich auf diese Weise eine Leckerbissen verschafften. Die Kirche selbst wurde von den russischen Soldaten nicht betreten. In der Sakristei war in diesen Tagen ein Speisesaal, es wurden Heringe, Sardinen, Fleischkonserven verzehrt und Wein getrunken und geraucht. Innerhalb einer Woche war das Schwerste für uns überstanden. Es kehrten langsam normale Verhältnisse wieder. Wir konnten Montag, den 16.4.1945 den Kanzleibetrieb wiedereröffnen.

Der Kaplan Rudolf Franz, wurde in Nieder-Sulz, wo er nur einige Wochen gewirkt hatte, in den ersten Tagen des Aprils (12.04.1945) von russischen Soldaten erschossen. In der hiesigen Pfarrkirche zelebrierte H.H. Kaplan Karl Fuchs, der Senior-Kaplan unter der Assistenz der H.H Kapläne Franz Gstaltmeyr und Zlenko ein feierliches Requiem.

Mit Wirksamkeit vom 1.5.1945 wurde Hochw. H. Franz Gstaltmeyr, der eben als San. Oberfeldwebel den Heeresverband verlassen hatte, als Kaplan der Pfarre Rudolfsheim ernannt. Mit Rücksicht auf seine bisherige Mitarbeit in der Seelsorge, besonders in Hernals, wurde seine Dienstzeit vom 1.4.1940 an gerechnet.

Russische Flieger haben am 10. April 1945 ein Flugblatt über Wien abgeworfen, dessen Inhalt ist hier nachzulesen,

Zum Abschluss noch ein statistischer Rückblick:
Während des Krieges wurde in Wien 145 mal Fliegeralarm gegeben; im ganzen wurden 52 Groß-Angriffe, von amerikanischen Fliegern, geflogen vom Stützpunkt Italien, gezählt.

(Leopold Mantler)