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Fremd sein
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„Fremd sein“ kann ein sehr nachhaltiges und bedrückendes Gefühl meinen, das auf allerlei Gründe verweist. Fremd fühlt sich, wer sich in einer neuen Umgebung niederlässt, wo alles ganz anders und völlig unbekannt sein kann, wo einem nichts vertraut erscheint, wo die Menschen anders leben, eine andere Sprache sprechen und eine andere Kultur pflegen. Aber auch in gewohnter Umgebung kann einen das Gefühl des Fremdseins beschleichen: Man fühlt sich ausgegrenzt, von allem Vertrauten gleichsam „entfernt“, wie die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „fremd“ nahelegt. Fremd bleiben wir so lange, ob in neuer oder alter Umgebung, wie wir Neuem aus dem Weg gehen, wenn wir dafür kein Interesse zeigen und uns dem Unbekannten gegenüber statt neugierig bloß gleichgültig oder gar abweisend verhalten. Mit solchem Verhalten bleiben wir und fühlen wir uns „allein“.

Schlimm steht es mit dem „Fremdsein“ beim jüdischen Volk, das im Jahre 586 v. Chr. von Nebukadnezar II. gewaltsam in die babylonische Gefangenschaft geführt wird. Die Heimat der Juden und vor allem ihr geschätzter Tempel zu Jerusalem sind zerstört und für sie zunächst einmal in der Fremde unerreichbar. In der Verbannung packt sie das Heimweh nach Zion, das im Psalm 137 so eindrucksvoll und berührend (in Form einer Rückschau) beschrieben wird. Diese Fremde ist ihnen aufgezwungen, an Rückkehr ist nicht zu denken, Trauer überkommt sie, sie klagen und weinen: „An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir Zions gedachten. An die Weiden in seiner Mitte hängten wir unsere Leiern“ (Ps 137, 1-2). Musik und Gesang „fern auf fremder Erde“ vertiefen nur die Wehmut, daher lassen sie sich von ihren Peinigern auch nicht dazu zwingen, „eines der Lieder Zions“ zu singen. Groß ist die Sehnsucht nach der Heimat, bewusst wird ihnen in der Fremde ihr Versagen, nicht auf ihren Propheten gehört zu haben. Doch ihre innere Umkehr lässt sie schließlich darauf hoffen, dass Gott in seiner Gerechtigkeit sie mit ihrem hartnäckigen Beten erhören wird: Er wird die Edomiter und Babel-Bewohner bestrafen, sie selbst wird er endlich aus der Gefangenschaft befreien; und ihre Befreiung geschieht dann auch durch den Perserkönig Kyros II. im Jahre 539 v. Chr.

Fremdsein, Verbannung und Heimweh sind aktuelle und leidvolle Themen in unserer Zeit. Vor kurzem meldeten Nachrichten, dass an die 80 Millionen Menschen auf der Flucht sind vor Kriegsanschlägen, vor Hungersnot und Tod. Kein Wunder, dass der mit nachfühlbarer Emotion geladene Psalm 137 sehr oft sprachlich neu gestaltet und vielfach vertont wurde. Freiwillig oder gezwungenermaßen unterwegs sein, kann sehr schnell zu seelischen Leiden führen. Das bekannte Motiv der „Pilgerschaft auf Erden“ erklingt auch in unseren Liedern und macht uns bewusst, dass wir fremd und nur Gast auf Erden sind (vgl. Gotteslob 505). Sind wir also selbst nur Gast auf Erden, dann sollen wir umso mehr die Gastfreundschaft auch Fremden gegenüber pflegen, um dadurch das eigene Gefühl des Fremdseins zu mindern und vielleicht sogar zu überwinden. Sich als Christen fremd fühlen, ist nicht neu; schon Petrus spricht von seinen Auserwählten als Fremden und von jenen Christen, die durch ihre Bekehrung zu Christus zu Fremdlingen am eigenen Wohnort geworden sind (vgl. dazu 1.Petrus 1, 1-3). „Fremd sein“ ist für uns Christen also durchaus verständlich und angebracht in unserem irdischen Leben, das ja auf das ewige Leben vorbereiten soll.

                                                                                                                                                       

(H.T.)