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STAUNEN NUR KANN ICH …
© Pfarre Hildegard Burjan, Teilgemeinde Rudolfsheim

… und staunend mich freun“, so singen wir zum Gloria in der Schubert-Messe (GL 711.2). Im Staunen schwingt also auch Freude mit, sofern wir diese grundlegende Fähigkeit des Staunens nicht schon verlernt haben. Sollten wir tatsächlich weniger zu staunen vermögen, dann hängt dies möglicherweise mit dem vom Soziologen Max Weber (1864-1920) geprägten Begriff der „Entzauberung der Welt“ zusammen. Wir modernen Menschen werden von zunehmender Intellektualisierung und Rationalisierung ergriffen und meinen, alle Dinge dieser Welt prinzipiell durch Technik und Berechnen beherrschen zu können; wenn alles geklärt, durchschaubar und „entzaubert“ ist, dann bleibt wohl kaum noch Platz zum Staunen. Damit geht uns viel an innerer Bewegung verloren, sobald wir nicht weiter nach Neuem fragen und Neues kennen lernen wollen. Nach Aristoteles endet mit dem Verlust des Staunens jede Motivation zum Philosophieren; er selbst sagt sinngemäß: Es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als den durch Staunen. Wer also staunt, will mehr verstehen und den Dingen auf den Grund gehen.  

Was heißt eigentlich „staunen“? Staunen ist ein relativ junges Wort, das erst im 18. Jh. aus dem Schweizerdeutschen allmählich in unsere Schriftsprache gelangt ist; es ist verwandt mit „stauen, stehen“ und bedeutet eigentlich so viel wie „starr vor sich hin sehen“. Staunen ist also der Ausdruck der Überraschung, wenn etwas Unerwartetes eintritt, wenn sich Schönes, Großartiges, Überwältigendes ereignet und sich uns darbietet; dies drücken wir häufig aus mit spontanen Ausrufen, wie z.B. „wau! Na, so was! Unglaublich! Wahnsinn! Wunderbar“! Oder wir verstummen gänzlich in der uns packenden Verwunderung und Bewunderung. Es heißt auch, dass Kinder eher und öfter staunen als Erwachsene, denen vieles in ihrer langen Lebenserfahrung alltäglich geworden ist. Also stimmt es doch, dass das im „reifen Alter“ aufgeklärte Gemüt weniger Überraschungen zulässt, die zum Staunen anregen; es könnte aber auch in unserer eigenen Überheblichkeit begründet sein, obwohl zwischen Himmel und Erde mehr an Geheimnisvollem verborgen ist, als in unserer Phantasie Platz finden kann.

Die Beweggründe, die das Staunen in uns auslösen können, sind vielfältig, vorausgesetzt, wir sind mit all unseren Sinnen und geistigen Kräften dafür offen: Wenn wir sehen und hören, fühlen und spüren, kosten und schmecken, begreifen und zuletzt über alles gründlich nachsinnen. Was auch immer die sich stetig erneuernde Natur und die menschliche Schöpferkraft an Unerwartetem, Großartigem, Wunderbarem darbietet, wir sollten uns Zeit nehmen, die geheimnisvollen Tiefen des Lebens und der Natur staunend wahrzunehmen. Staunen gibt den Anstoß zu geistigen Bewegungen wie z.B. die der Freude. Wir sollten mit der Fähigkeit zu staunen neugierig auch in die Tiefen des Glaubens vordringen. In der Bibel staunt das Volk immer wieder über die Wundertaten Jesu (vgl. z.B. Mk 5, 20). Auch die Jünger Jesu staunen beispielsweise über den Emmaus-Bericht, der sie mit der Tatsache überrascht, dass der Gekreuzigte lebe (Lk 24, 15-48). Die Jahreszeit des Blühens, Wachsens und Reifens gibt uns zurzeit Anlass genug zu ehrfürchtigem Staunen. Wir können daher den Psalmisten für uns sprechen lassen, der seine Ergriffenheit ausdrückt und sagt: „Ich danke dir (Herr), dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke“ (Ps 139, 14).

(H.T.)